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Postnatale Depression – wenn das Mutterglück getrübt ist

Anja hat sich sehr auf ihr Baby gefreut und auch die Geburt ist wie geplant verlaufen. Alles ging gut, bis sie plötzlich – einige Tage nach der Geburt – eine für sie unbekannte Schwermütigkeit überfiel. Diese anfängliche Schwermut wurde immer schlimmer, bis sie schliesslich gar nicht mehr in der Lage war, sich um ihr Baby zu kümmern. Das ganze Leben schien plötzlich keinen Sinn mehr zu machen. Alles erschien ihr sinnlos. Und auch ihr Baby selbst kam ihr irgendwann fremd vor. Es war ein absolutes Wunschkind. Aber nun, wo es da war, empfand sie rein gar nichts für ihr Baby. Auch ihr Mann war gegen diese Situation machtlos. Er versuchte zu helfen wo er konnte, aber von Anja erntete er dafür nichts als Vorwürfe, so dass er sich mehr und mehr zurückzog. Zum Glück erkannte Anjas Hebamme beizeiten, dass irgendetwas nicht stimmte. Anja bekam nun rasch Hilfe.

Heute, fast ein Jahr später, geht es ihr wieder gut. Ihr Beziehung zu ihrem Mann und ihrem Baby ist wieder normal. Sie ist in der Lage, sich selbständig um ihr Kind zu kümmern und ihren Haushalt zu führen. Aber bis dahin war es ein langer Weg…

Was ist eine postnatale Depression?

Eine postnatale Depression, auch postpartale Depression genannt, ist eine ernst zunehmende Erkrankung und bedarf der dringenden medizinischen Behandlung. Im Gegensatz zum häufiger vorkommenden Babyblues, beginnt die postnatale Depression meist erst Wochen bis Monate nach der Geburt und wird daher auch schwieriger erkannt.

Es wird vermutet, dass in Deutschland etwa 10 bis 20 Prozent aller Frauen an der postnatalen Depression erkranken. Die Gründe liegen dabei weitgehend im Dunkeln. Besonders belastend ist diese Depression auch für die Angehörigen der Betroffenen, besonders für den Partner. Oft werden diese seitens der jungen Mutter mit Vorwürfen konfrontiert, mit denen sie nicht umgehen können. Die meisten Männer ziehen daher zurück und hoffen dass es besser wird. Aber das für die junge Mutter zusätzlich in eine Negativ-Spirale.

Abgrenzung zum Babyblues

Viele Frauen erleben unmittelbar nach der Geburt eine Zeit, in der sie emotional instabil sind. Sie sind nah am Wasser, jede kleine Unregelmässigkeit kann zu Heulkrämpfen führen. Meist gehen aber diese “Heultage” sehr schnell wieder vorbei und die Emotionen beruhigen sich wieder. Schuld an diesem sogenannten Babyblues ist die Hormonumstellung nach der Schwangerschaft. Im Normalfall gehen diese Schwankungen nach ein paar Tagen wieder vorbei und die junge Mutter kann sich wie gewohnt um ihr Baby kümmern.

Eine postnatale Depression hingehen beginnt erst viel später. Sie kann gar erst Monate oder ein Jahr nach der Geburt beginnen. Im Gegensatz zu den Stimmungsschwankungen der Heultage, handelt es sich hierbei um eine ausgeprägte Depression, die unbehandelt zur Vernachlässigung des Babys oder sogar zum Selbstmord führen kann.

Symptome der postnatalen Depression

Die Symptome der postnatalen Depression sind vielfältig, in einem sind sie sich jedoch bei allen Betroffenen gleich: sie sind sehr stark ausgeprägt und gehen nicht von allein wieder weg. Es bedarf einer professionellen Therapie sowie medikamentöser Behandlung.

Die meisten betroffenen Frauen beklagen eine tiefe Schwermütigkeit, die sich nach kurzer Zeit in eine ausgeprägte emotionale Leere entwickelt. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich um ihr Baby und den Haushalt zu kümmern. Kleinste Aufgaben werden zu unüberwindbaren Hürden. Viele Betroffenen beklagen zudem eine Sinnleere und ein starkes Entfremden zum eigenen Baby. Häufig kommen Schlafprobleme hinzu, sowie das Gefühl, als Mutter völlig zu versagen. Viele Frauen steigern sich auch in eine übertriebene Sorge um die eigene Gesundheit sowie die Gesundheit des Babys.

Haben Sie das Gefühl dass Sie unter einer postnatalen Depression leiden? Hier finden Sie die häufigsten Symptome:

• Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit
• Schlaflosigkeit
• Erschöpfung
• Keine oder sogar negative Gefühle dem Kind gegenüber
• aggressives Verhalten dem Partner gegenüber
• Selbstmordgedanken und Depression
• weinerliches Verhalten
• Überforderung
• fehlende Lebensfreude

PND auch bei Vätern möglich

Was viele nicht wissen: postnatale Depression kann auch bei Vätern auftreten. Laut einer Schätzung leiden im deutschsprachigen Raum ca. 10 bis 15% an einer solchen Depression. Die Symptome sind indes ähnlich wie oben beschrieben. Hauptsächlich äussert sich die väterliche Depression in einem gestörten Vater-Kind-Verhältnis sowie einer starken Anspannung. Die Postnatale Depression bei Männern ist allerdings noch sehr wenig erforscht. Als Hauptursachen werden das Vorhandensein früherer Depressionen sowie Beziehungsprobleme vermutet.

Auslöser der PND

Leider gibt es wenig seriöse Anhaltspunkte darüber, was eine Postnatale Depression bei Frauen auslöst. Vermutet wird daher ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Am häufigsten werden die hormonellen Umstellungen nach der Geburt aufgeführt. Was jedoch klar gegen diese Theorie spricht, ist, dass nicht alle Frauen unter der PND leiden -obwohl jede Frau nach der Geburt eine hormonelle Umstellung erlebt- sowie die Tatsache, dass die PND normalerweise mit erheblicher Zeitverzögerung zur Geburt eintritt.

Wir favorisieren daher eine anderen Theorie, die auf gesellschaftlichen und sozialen Veränderung junger Mütter basiert. Viele Frauen haben vor der Geburt ihres Kindes ein sehr aktives Leben geführt und einen grossen Freundeskreis gepflegt. Durch die Geburt ihres Babys sind sie nun aber zu 150% in die Babypflege eingebunden. Soziale Kontakte müssen auf ein Minimum beschränkt werden. Hinzu kommt die psychische Belastung durch das Baby: Die Frau schläft nachts kaum noch und muss sich rund um die Uhr um das Baby kümmern. Aus dieser Überforderung können sich nun rasch negative Gefühle dem Baby gegenüber einstellen, die sich nach und nach zu einer Depression ausweiten.

Viele Hebammen berichten auch von einer auffälligen Häufung der Postnatalen Depression bei Frauen, die in den frühen Frühlingsmonaten (Februar und März) entbunden haben. Auch diese Theorie erscheint uns naheliegend, da der Haupt-Teil der Schwangerschaft innerhalb der trüben und sonnenarmen Herbst- und Wintermonate lag. Ein Mangel an Sonnenlicht und damit an Vitamin D ist nachweislich ein möglicher Auslöser für depressive Verstimmungen und kann im Zusammenspiel mit der Belastung durch die Babypflege und der sozialen Isolation junger Mütter zu einer postnatalen Depression werden.

Als weitere Ursachen werden frühere durchlebte Depressionen vermutet. Auch ein traumatisches Geburtserlebnis kann in der Folge zu postnatalen Verstimmungen führen. Eine Postnatale Depression muss allerdings nicht immer wieder vorkommen. Es ist durchaus möglich, dass eine Frau bei ihrem ersten Kind eine PND durchlebt hat, und bei weiteren Kindern anschliessend keinerlei Probleme hat. Ebenfalls kann es sein, dass eine Frau bereits mehrere Geburten problemlos überstanden hat und nach einer weiteren Schwangerschaft plötzlich eine PND auftritt. Hatte eine Frau jedoch bereits bei ihrem ersten Kind eine PND, so wird dringend angeraten, nach einer weiteren Schwangerschaft prophylaktisch psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Behandlungsmöglichkeiten

Wir hatten es Eingangs bereits erwähnt: eine postnatale Depression bedarf der dringenden medizinischen und medikamentösen Behandlung. Doktern Sie also niemals selbst herum oder warten Sie zu lang ab. Sie tun damit sich und Ihrer Familie keinen Gefallen und riskieren im Ernstfall sogar bleibende Konsequenzen. Spätestens in dem Moment, wo Ihnen alles sinnlos vorkommt und Sie Ihr Kind nicht mehr haben wollen, müssen Sie sich in medizinische Behandlung begeben. Sprechen Sie am besten direkt mit Ihrer Hebamme oder Ihrem Gynäkologen. Beziehen Sie auch Ihren Partner mit ein. Er wird in der Folge eine aktive Rolle bei der Bewältigung der Depression spielen und er wird sich auch stärker um Ihr Baby kümmern müssen.

Die Behandlung der PND richtet sich im Einzelfall nach der Schwere der Symptome. Im einfachsten Fall muss die betroffene Frau während circa 6 Monaten Antidepressiva einnehmen. Je nach Medikament und Dosierung kann dabei ein Abstillen nötig sein. Dies ist aber nicht weiter tragisch und sollte Sie auf keinen Fall davon abhalten, die Medikamente zu nehmen! Ohne Medikamente werden Sie die Depression höchstwahrscheinlich nicht in den Griff bekommen. Und seien Sie sich bewusst, dass für Ihr Baby wichtiger ist, eine ausgeglichene Mutter um sich zu haben als dass es mit Muttermilch versorgt wird. Die Pulvermilch wird es genauso gut ernähren und es wird sich bester Gesundheit erfreuen (lesen Sie auch unseren Artikel zum Thema: Stillen, ja oder nein).

In besonders starken Fällen der postnatalen Depression kann es nötig sein, dass Sie sich stationär behandeln lassen müssen. Für diese Fälle gibt es spezielle Mutter-Kind-Kliniken, die auf die Behandlung von PND spezialisiert sind. Hier kann die betroffene Mutter ihr Kind mitnehmen und muss kein schlechtes Gewissen haben, weil sie sich nicht um ihr Kind kümmern kann. Es folgen dann Therapien, bei der die betroffene Mutter lernt, sich zu entspannen und mit dem Babystress fertig zu werden.

Wo bekommen Sie Hilfe?

Ihre erste Anlaufstelle wird Ihre Hebamme sein. Sie hat schon viele Fälle postnataler Depression erlebt und weiss auch am besten, an wen Sie sich zwecks einer Therapie wenden müssen. Aber auch Ihr Gynäkologe kennt sich mit postnataler Depression sehr gut aus und weiss, was im Einzelfall zu tun ist. In den meisten Fällen werden junge Mütter mit einer postnatalen Depression an einen Psychologen verwiesen und dieser entscheidet dann für die jeweilige Therapie.

Aber auch Sie selbst können ein wenig dazu beitragen, die Therapie zu unterstützen. Nehmen Sie sich bewusst eine Auszeit von Ihrem Baby. Sicher können Ihr Partner oder Familienangehörige mal einige Stunden oder einen halben Tag das Baby hüten. Nutzen Sie die Zeit für Ihre eigene Körperpflege -denn die kommt in der ersten Zeit nach einer Geburt immer zu kurz!- nehmen Sie ein Entspannungsbad, machen Sie eine Gesichtsmaske oder schlafen Sie einfach mal richtig aus! Achten Sie auf regelmässige Malzeiten und treiben Sie Sport oder machen Sie Yoga. Egal was Sie tun: denken Sie nicht an Ihr Baby und konzentrieren Sie sich wieder auf Ihre eigenen Bedürfnisse.

Auch Ihr Partner sollte Sie in dieser Zeit unterstützen. Nehmen Sie Ihn mit in die Therapie und lassen Sie den Therapeuten erklären, was Ihr Partner jetzt tun sollte. Auf keinen Fall sollte Ihr Partner Ihnen Vorwürfe machen. Sätze wie: “Kinder kriegen die Frauen schon seit Millionen Jahren – das kann jetzt nicht so schwer sein.” sind nun auf lange Zeit Tabu! Was Sie brauchen, ist Unterstützung, keine Vorwürfe.

Hier können Sie sich mit Betroffenen austauschen

Je nach Schwere Ihrer Depression kann auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe sinnvoll sein. Allerdings nur begleitend zu einer fachlichen Therapie Ihres Arztes oder Therapeuten. Sie müssen dann selbst entscheiden, ob Ihnen die Gespräche mit gleichfalls betroffenen jungen Müttern etwas bringen. Viele Frauen berichten uns, dass es Ihnen viel gebracht hat, zu erkennen dass sie mit ihrer Krankheit nicht alleine sind, sondern dass viele andere Mütter die gleichen Probleme haben. Wir raten Ihnen daher dringend zu einer solchen Selbsthilfegruppe. Ihre Hebamme kann Ihnen sicher Kontakt zu einer solchen Selbsthilfegruppe herstellen.

Links und Adressen für Betroffene

Deutschland:        schatten-und-licht.de/                                  

sowie eine Hotline für Betroffene Tel.: 015 77/47 42 654

Österreich:           frauengesundheit-wien.at

Schweiz:                  postnatale-depression.ch/

Und schliesslich:

Eine postnatale Depression kann jede junge Mutter treffen. Machen Sie sich daher keine Vorwürfe, wenn Ihre Gefühle nach der Geburt nicht ausschliesslich positiv sind. Keine Frau sollte sich einer postnatalen Depression schämen. Zögern Sie auch nicht, Hilfe zu holen! Eine postnatale Depression geht nicht von allein wieder weg.

Und als Trost zu Schluss: egal wie stark Ihre Depression nach der Geburt ist, nach spätestens einem Jahr ist sie mit Sicherheit wieder weg und sie wird dann auch nicht wiederkommen. Und dann können Sie sich an Ihrer kleinen Familie ungetrübt erfreuen!

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